Wir Marlboro-Reiter
Poltawa, 08.09.2026
Kurz nach der Wende bewarb ich mich zusammen mit einem Freund als Marlboro-Reiter. Der Freund war Nichtraucher, aber für die Möglichkeit nach Arizona zu reisen, am Lagerfeuer Steaks zu braten, war er bereit das Rauchen zu lernen. Reiten konnten wir beide nicht. Aber dank einer Frage in der Bewerbung glaubten wir, gute Chancen zu haben. „Wie lange haben Sie in unerforschten Gebieten gelebt?“ Siebenundzwanzig Jahre, schrieben wir wahrheitsgemäß, unsere Zeit in der DDR. Die Mauer hatten wir einen Tag vor meinem 27. Geburtstag gestürmt.
Nun wird in Deutschland über die Gründe des Wahlerfolgs der „Alternative für Deutschland“ diskutiert. Die AfD sei die erste politische Kraft, die das „Ost-Thema“ (DDR-Nostalgie) „positiv konnotiert“, meint der „Dunkle Parabelritter“ Alexander Prinz in den ARD-Tagesthemen. In seiner Generation – er ist 31 Jahre jung – habe man „den Ost-Bezug als etwas gesehen, wofür man sich schämen muss“.
Stolz oder Scham wegen DDR-Herkunft ? Stolz darauf, „deutscher“ gewesen zu sein als die Westdeutschen? – also weniger Fremdsprachen zu beherrschen, weniger Länder bereist zu haben, weniger der wichtigsten Romane und wissenschaftlichen Aufsätze gelesen zu haben? Stolz darauf, statt in einem Ozean zu baden in einer Pfütze schwimmen zu lernen? Das ist kein Grund für Scham, man muss eben das Beste daraus machen. Es war schlichtweg biographisches Pech gewesen, in eine humorlose Diktatur hineingeboren zu werden, mit zugenähten Lippen, die Nähfäden aus Stacheldraht. Aber immerhin hatten wir überlebt, das heißt die Fluchtwünsche und die Selbstmordwünsche unterdrückt und in Alkohol ertränkt. Und verglichen mit Menschen aus anderen post-sowjetischen Ländern Osteuropa war man als Ostdeutscher ja ungeheuer privilegiert, u.a. dank der Alimentierung durch die Brüder und Schwestern aus dem Westen.
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