Russland - Ukraine

Werner Herzog u.a.

Poltawa, 31.12.2025
Die nächste Enttäuschung. Jetzt erzählt auch Werner Herzog Unsinn. Man kann schon ein Denkmal errichten mit den Namen deutscher Intellektueller, die in Bezug auf ruzzland ihre Kompetenzen überschätzen und denen, die ihnen mit ihrer Ermordung drohen, Entschuldigungen liefern. Denen, die sie auslachen, die sie verachten, die sich über ihre Entschuldigungen amüsieren. Christoph Hein (der ukrainische Freiheitskämpfer mit Wehrmachtssoldaten gleichsetzte), Jürgen Habermas, Alexander Kluge.
Deutschland befinde sich im Sinkflug, „weil man sich von russischem Gas (und von der Atomkraft) abgekapselt“ habe, meint Werner Herzog im ansonsten ganz klugen Interview mit dem SPIEGEL. „Das hat alles mit der Überbewertung des Moralischen als politischer Kategorie zu tun. … Schon Gorbatschow, mit dem ich 2018 einen Film gemacht habe, beklagte sich bitter über die vielen versäumten Gelegenheiten, West und Ost näher zusammenzubringen. Verschlechtert hat sich dann alles durch die – so sehe ich es – Dämonisierung Russlands.»
Wenn er Russisch könnte hätte er die Chance, die Peinlichkeit seiner Einschätzung zu erkennen. Wenn er den Einpeitschern des Krieges in Moskau jahrelang zugehört hätte, wie das zum Pflichtprogramm der meisten Osteuropawissenschaftler gehört, hätte er womöglich geschwiegen. Russland muss nicht dämonisiert wird, es beweist durch seine Handlungen, dass es ein verabscheuungswürdiges politisches Subjekt ist. Die braven naiven tumben Westler sind mehrheitlich weder bereit noch fähig, die Qualität des Bösen, der reinen Mordlust, zu begreifen, die dieses putin-ruzzland darstellt.

Russland - Ukraine

Auftrag erfüllt

B., Obast Charkiw, 25.12.2025
Drei Bataillone einer Brigade haben wir besucht, alle nördlich von Pokrowsk stationiert, in guten Verstecken, an unauffälligen Orten. Irgendwo in der Ferne ballerte dort immer wieder Artiellerie, unsere und feindliche. Die schwarzen Rauchfahnen am Himmel waren allerdings gar nicht so weit entfernt, nach meinem laienhaften Gefühl geurteilt. Die Kämpfer bezeichneten sie als „Feuer-Show“. – Gefahren werden oft verspottet, ein endloses Thema.
Man muss ziemlich viel Eintritt bezahlen, wenn man diese Feuer-Show sehen will. Die Miete für eines der Häuschen, in dem einige Kämpfer schlafen, ist völlig überteuert. Sie nehmen dem Eigentümer das Haus nicht etwa weg, sagen wir zeitweise. Was meines Erachtens legitim wäre oder sein sollte. Sie achten Recht und Gesetz und verhandelten mit dem Vermieter um einen vernünftigen Preis mit dem Argument, dass er doch, wenn sie nicht hier wären, von den ruzzen bereits enteignet worden wäre, oder sein Haus längst zerstört worden wäre. Dann würde er ja gar keine Miete bekommen. Nein, der Alte blieb hart, und sie akzeptierten das „notgedrungen“ – der Markt entscheidet.

Das waren die Geschenke, über die die Kämpfer sich besonders freuten: Kinderzeichnungen; dicke handgestrickte Strümpfe; von den Babuschkas mit Liebe zubereitete Warinikis.

Zusammen mit Anatoli und mir war auch eine Marina mitgekommen, ebenfalls Volontärin, aber nicht in unserer NGO, sondern in einer rein ukrainischen aus der Kreisstadt L. Das ist ein wichtiger Unterschied. Unsere internationalen Kontakte steigern natürlich unsere Möglichkeiten. Andererseits arbeiten Menschen wie Marina (oder Anatoli) ständig „am Limit“, und das freiwillig und kostenlos. Sie haben kaum die Kraft, solche Kontakte zu suchen, denn dafür braucht man ja auch Übersetzer, Berater, Helfer.
Ein undendliches Feld …, wie man sich besser „vernetzen“ kann.
Manchmal merkt man, dass wir fast alle keine ausgebildeten Wirtschaftsleute und Organisatoren sind. Manchmal zerstört „Aktionismus“ oder „alleiniges Vorpreschen / mangelndes Teamworking“ einen klugen Plan, in dessen Umsetzung man schon viel Zeit investiert hatte. Manchmal hat man ein Brett vor dem Kopf oder ist einfach müde …

Mein Interview mit Radio Bremenhabe ich von unterwegs geführt, es ist gut gelaufen, der Redakteur war sehr zufrieden. (Überhaupt sprechen sie immer sehr freundlich mit mir, und sie stellen immer interessante Fragen, auch mich zum Denken anregende.)
Ich saß dabei im Auto auf einer Wiese kurz vor Pawlograd. Ein bisschen stolz bin ich auf meine spontane Antwort nach der Frage, warum Ukrainer diesen Widerstand leisten, diese Kraft haben.

„Aus Liebe zu ihrer Heimat, zu diesem schönen Land“, sagte ich, – „und aus dem Wissen über die Geschichte, was ihnen drohen würde, wenn ruzzland gewinnen würde“ und nannte Beispiele. Ich erinnerte auch an die Massenmorde unter Stalin, die Genozide in der Ukraine, an deren drohende Wiederholung, damals wie heute in Moskau geplant, in den gleichen Gebäuden Kreml und Lubjanka, von den Urenkeln von damals. Für Deutsche ist das kaum vorstellbar, dieser ukrainische INSTINKT, nicht schon wieder von Moskowitern gequält zu werden. Deutsche war nie Opfer eines Genozids, nie drohte ihnen einer, das merkt man ihnen an.

Heute glaubte ich bei X zu lesen, jemand habe ruzzlands 97 Kriegsmotive und -ziele aufgelistet. Endlich hat es jemand begriffen, dachte ich. Endlich hat jemand interdisziplinär gedacht. Endlich nicht mehr schachliche Kreisklasse, endlich Europa-Liga, ach, Welt-Liga. 97 Kriegsmotive und -ziele, nicht eins oder maximum fünf.
Doch es war ein Irrtum, ich hatte mich verlesen. Die Zahl 97 war nur die Nummerierung des Begriffs Kriegsgründe in einer völlig anderen Liste.

Russland - Ukraine

Zwischen Liebe und Ekel

B., Obast Charkiw, 23.12.2025
Manchmal ist es schwer zu begreifen wie wir leben. Zwischen Liebe und Ekel.
Zum Beispiel heute: Mein Freund Anatoli hat Geburtstag. Wir feiern mittags zusammen mit unserer Frauenbrigade, den fleißigen Netzeknüpferinnen. Viele Lobreden werden auf Anatoli gehalten, denn er ist wirklich ein beeindruckender Mensch, ein großartiger Organisator, verantwortungsvoller Tierarzt. Bis in die Nacht hinein hat er gekocht, u.a einen riesigen Topf mit Plov, um alle Gäste bewirten zu können.
Anatolis schönstes Geburtstagsgeschenk ist ein Foto von einer Rakete, auf die befreundete Soldaten schrieben: Schöne Grüße von Anatoli.

Auf dem Weg nach Hause hören wir einen heftigen Knall. Wir erschrecken uns, halten das Auto an, suchen den Himmel ab nach der Ursache des Geräuschs, können nichts sehen, fahren weiter. Wenige Minuten später erhalten wir die Information: eines unserer Flugzeuge hat eine Rakete abgeschossen! Hurra!
Zuhause warten schon die Vertreter der Brigade auf uns, die das von Rainer Grieben gespendete Schweißgerät bekommen. Der verantwortliche Techniker kämpft schon seit 12 Jahren!, erzählt er.

Zwischendurch lese ich auf X, dass einer meiner FB-Freunde, ein Journalist, bösartige Gerüchte über das ukrainische Militär verbreitet / kommentarlos weiterleitet.
Im Gegensatz zu den Medienberichten seien Militärkommandeure angeblich eher als Selenskyj bereit, Gebiete abzutreten. Sein politisches Überlebensinteresse decke sich angeblich nicht mit dem nationalen Interesse. Selenskyjs Missmanagement des Krieges und die Korruption machten ihn bei den Verteidigern äußerst unbeliebt; diese sollen angeblich „offen von einem Staatsstreich sprechen, haben aber keinen Anführer“.
Starker Tobak also, natürlich ohne Belege. Ich treffe regelmäßig Leute vom Militär, auch Kommandeure, aber von Putschgerüchten habe ich noch nie gehört, kann mir auch nicht vorstellen, dass solche Absichten bestehen. Ohnehin – bestünden solche Absichten, würden sie wohl kaum an die Öffentlichkeit dringen.
Warum verbreitet ein Journalist / Reporter solche Behauptungen? Eine müßige Frage. Vor einiger Zeit hatte ich diesem Nutznießer des Bösen noch öffentlich widersprochen, als er vor Eitelkeit und Selbstverliebtheit strotzende Fehleinschätzungen abgegeben hatte, die seine Kompetenz deutlich überschreiten. Inzwischen spare ich mir diese Energie und konzentriere mich lieber auf die konkreten Hilfen, die ich hier leisten kann. Soll doch jeder selbst sein Tun vor seinem Gewissen verantworten, falls er so etwas hat.
Morgen fahren wir in eine heißere Zone zu einer Brigade, um dringend benötigte Sachen zu überbringen. Unser Weihnachtsfest. Aber der Feind macht ja an Weihnachten keine Pause. Außerdem habe ich morgen noch ein Interview für Radio Bremen.

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Geheimes Kriegstagebuch
Privileg: Etwas zu wissen, was (noch) nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Beispielsweise erzählte mir A. von einem sensationellen Erfolg unserer Freunde an der Donbas-Front. So sensationell, dass das Ereignis meines Erachtens in den Nachrichten hätte gemeldet werden müssen. Ich kann keinen Grund erkennen, warum es verschwiegen werden sollte. Mein Freund A. wurde persönlich von einem der beteiligten Artilleristen darüber informiert, deren Kommandeur hat schon allen gratuliert. Intern wurde der Erfolg offiziell bestätigt. Aber eine öffentliche Bestätigung finde ich nicht, obwohl es doch eine Spitzenmeldung sein sollte. Seltsam.

Literatur

Selbstgespräch am Morgen

B., Oblast Charkiw, 15.12.2005
– Du sollst nicht auf den Worten herumreiten, du Nörgelfritze!
– Fritzes Fischer, Fischers Fritze frisst.
– Witzbold.
– Man hört sofort, dass du alt bist. Nörgelfritze, niemand redet mehr so wie du. Heutezutage wird nicht genörgelt. Wir kritisieren etwas oder sagen unsere Meinung; immer mit dem Hinweis, dass jeder eine andere Meinung haben kann. Jeder kann denken, was er will, und sagen, was er will, aber bitte ohne Beleidigungen, ohne Aufrufe zu Mord und Totschlag.
– Du scheinst ein rotes Wort zu färben.
– Nur eins? Warum? Mit welcher Farbe färben? Zuerst entfärben, das Rot übertünchen?
– Der Abgrund hat keine Decke.
– Willst du vom Thema ablenken?
– Welches Thema?
– Ich soll nicht auf den Worten herumreiten.
– Das ist eine Metapher.
– Das weiß ich auch, ich bin ja nicht blöd.
– Blödmann.
– Danke, selber Blödmann.
– Sehr produktives Gespräch. Aber nicht unterhaltsam.
– Woher willst du das wissen?
– Hör dir doch mal zu.
– Das mache ich die ganze Zeit.
– Weißt du noch, wie du verrückt werden wolltest?
– Der Selbstmord hat mich gerettet.
– Der Versuch eines Selbstmords.
– Das war ein ernsthafter Versuch.
– Aber nicht ernsthaft genug. Zwei Dutzend Schlaftabletten, wie witzig. Du hättest zusätzlich noch den Gashahn öffnen sollen und dich aufhängen müssen, dann hätte ich dir geglaubt. Du wolltest nur spielen.
– Im Tiefschlaf?
– Du hast nicht eine Sekunde vorausgedacht, du wolltest nur einen leeren Kopf haben.
– Als ob du mich kennen würdest.
– Ich bin deine zweite Hälfte. Wer sonst, wenn nicht ich?
– Ich.
– Jetzt fängst du wieder mit diesem Quatsch an. Ich bin Du, Du bist ich, schöne Grüße an Baudelaire. „Was haben Sie dem Judentum gemeinsam?“ – „Ich habe nicht einmal mit mir etwas gemeinsam.“
– Brav gelernt.
– Also?
– Was, also?
– Nichts.
– Gut, reden wir über das Nichts.
– An diesem Abend lerntest du die Schweizerin kennen, bei einer Ausstellung über das Nichts.
– 1991.
– Das war Steinzeit ohne Netz.
– Und heute ist alles besser?
– Hat das jemand gesagt? Jedenfalls ist meine damalige Prophezeiung wahr geworden. Wir sitzen wie unsere Großeltern wieder in Luftschutzbunkern und fürchten herabfallende Bomben.
– Drohnen.
– Drohnen, Bomben und Raketen.
– Möchtest du auch ein Drohnenpilot werden?
– Dafür bin ich zu alt.
– Aber nicht zu friedfertig.
– Ich bin doch nicht mehr suizidgefährdet. Wenn jemand auf mich schießt, dann werfe ich keine Wattebällchen nach ihm.
– Schon klar, darüber lohnt sich nicht zu streiten.
– Viele Leute würden dir widersprechen.
– Das ist mir egal.
– Ich erinnere nur an die Tatsache.
– Die Zeitgenossen surfen gern auf der Oberfläche.
– Falsch. Es gibt mehr Surfer als Taucher.
– Tiefseetaucher.
– Meinetwegen Tiefseetaucher. Jetzt bist du aber der Angeber.

Das Gesicht zu kontrollieren war nie eine leichte Aufgabe, jedenfalls nicht für mich. „Manche Leute tragen jahrelang das gleiche Gesicht, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat.“ So beschrieb es der Dichter Rainer Maria Rilke, beziehungsweise erzählte es die von ihm erfundene Figur Malte Laurids Brigge. Nun gut, das war vor mehr als einhundert Jahren in Paris gewesen, die Leute ahnten noch nicht, wohin sie schlafwandelten.
Immer das gleiche Gesicht zu tragen, keine Gefühle, Wünsche und Absichten zu zeigen, das hatte ich mir schon Schüler als vorgenommen.

PS: In zwei Stunden wird der Strom bis zum Abend abgestellt. Steinzeit!

Russland - Ukraine

Faszination Dummheit

Poltawa, 07.12.2025
Schadenfreude – angesichts der neuen Geständnisse der Einpeitscher des Krieges in ruzzland. Sie hatten tatsächlich „geglaubt“, die übergroße Mehrheit der Ukrainer wolle von ihnen befreit werden / würde sie freundlich begrüßen. Von 70 bis zu 98 (!) Prozent reichten die Schätzungen.
Eine erstaunliche Selbstverblendung der Überzeugungstäter. Sie sahen, was sie sehen wollten.

Ich befragte 2016 bis 2022 viele Ukrainer, wie sie sich im Falle einer Invasion verhalten würden. Manche stellten sich vor zu fliehen; die meisten jedoch wollten gegen die Invasoren kämpfen. „Ich werde meine Stadt verteidigen, mein Haus“, lauteten häufig die Begründungen. Nicht das Staatswesen, sondern das Land, den Heimatkreis, die eigene Erde und die eigenen nahen Menschen.
Die wenigen Befürworter einer „russischen Welt“ in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis waren auch sonst im Leben kuriose Gestalten: ein Dealer, ein pensionierter Architekt und Ex-KGB-Mitarbeiter, ein ehemaliger sowjetischer Offizier und dessen Tochter. Der Offizier mit der Begründung; „Wir (!) wollen auch mal einen Krieg gewinnen.“ Der Sieg gegen Hitler-Deutschland zählte für ihn nicht, weil die Deutschen heute besser lebten als die ruzzen. Seine Tochter wünschte sich eine ruzzische Welt, wollte in diesem Fall aber nicht mehr in der Ukraine leben – und gleich nach der Invasion reiste sie tatsächlich in ein skandinavisches Land aus, wo sie wohl Sozialhilfe bekommt und zusammen mit ihren arabischen Freunden gerne über den Westen schimpft.

In der deutschsprachigen Presse wurde währenddessen gerne das Märchen von der gespaltenen ukrainischen Nation erzählt, falls man deren Existenz nicht sowieso bestritt, wie bspw. der Historiker Baberowski (den ich zu einer Fahrradreise durch die Ukraine einlud, damit er seine kruden Behauptungen Ukrainern erzählen könnte).

Mich FASZINIERT es, wie wenig die Menschen im Allgemeinen über ihr übernächstes Nachbarland wissen, und dass sogar Nachrichtendienste mit Milliarden-Budgets zu völlig unsinnigen Einschätzungen gelangen, völlig falsche Berichte über das übernächste Nachbarland abliefern. Wie kann das sein? Warum konnten sie nicht so arbeiten wie ich?
Gut, es gilt das alte Gesetz, je komplexer die Materie, desto infantiler die Versuche der analytischen Ausleuchtung. Aber die zu untersuchende Frage war doch ziemlich simpel.

Literatur

Krieg als Drama

Wir haben drei Hauptfiguren:
a) bienenfleißige Kaufleute im Westen, reiche Rentner. Für sie ist der Lebenssinn der Lebensstil, Lifestyle, also die Art und Weise wie man sich kleidet, tätowiert, spricht, welche Zigaretten man raucht, ob man Fleisch isst, ob man Aktien kauft.
b) Banditen im Kreml, die gern mit dem Weltenbrand kopulieren, weil sie im friedlichen Wettbewerb allen Mitbewerbern unterlegen sind, betreffs Innovationskraft, Lebensstandard, Soft Power, Gesundheitswesen, Gewalt gegen Frauen und Kinder etc. – außerdem: das Volk verzwergt, die neuen Rekruten sind von Jahr zu Jahr kleiner, gestand der Generalstab.
c) ukrainische Kosaken, die auf ihrer Schwarzerde ganz gut zurechtkommen ohne fremde Herrscher. Sie wählten einen Komiker zum Hetmann, mitten im Krieg, unfassbar, dieser Ausdruck tänzerischer Freiheit. Und selbst diejenigen, die den Komiker verflucht hatten, kämpften mit ihm zusammen im Moment höchster Gefahr gegen den gemeinsamen Feind. Die unwissenden Ausländer im Osten wie im Westen hatten ihnen keinen nennenswerten Widerstand zugetraut, ebenfalls unfassbar – für jemanden, der das Land seit mehr als 20 Jahren kennt.

Der dramatische Konflikt wird also aus drei Richtungen angetrieben:
1. die Westler sind „von Natur aus so fleißig“, dass sie gar nicht merken, wie sie anderen damit schaden, mindestens Neid wecken. Man kennt das in der Geo-Politik wie im Streit unter Nachbarn im Dorf:
wenn bei einem Bauern immer die dicksten Schweine im Stall stehen, die fettesten Gänse herumlaufen, wenn diesem Typen alles gelingt – und wenn der Nachbar bei all seinen Tätigkeiten Pech hatte, seine Schweine sich weigern fett zu werden, seine Maispflanzen nur halb so hoch wachsen – dann bleibt nur Schwarze Magie als Erklärung.

2. deshalb, aus russländischer Sicht: Satan hat die Westler vom rechten Weg abgebracht. Mit rationalen Erklärungen müssten sie die Schuld für ihr Versagen bei sich selbst suchen. Es kann nur mit dem Teufel zugehen, dass Westler und Asiaten moderner, erfolgreicher und freier leben, und sich in die Zukunft katapultieren – während man selbst es nicht schafft, alle Wohnungen mit Toiletten auszustatten und ein groß Teil der akademischen Jugend die Übersiedlung in den Westen oder in ein arabisches Scheichtum plant.
Und: Wie kann das sein, dass man diesen westlichen Schwächlingen jahrelang etwas Schlimmes androht, und die nehmen die Drohungen einfach nicht ernst? Russlands Interessen werden nicht akzeptiert, weil Russland alle bestrafen möchte, die seine Interessen nicht akzeptieren.

3. Kosaken sind natürlich ideale Menschen. Was zeichnet sie aus: Herzensgüte, Liebe zum Leben, verträumte Neugierde, Liebe zum Philosophieren, das Lachen auch über sich selbst – für einen guten Witz unterbricht man gerne die Arbeit. Dank der fruchtbaren Schwarzerde kann eigentlich jeder sich am Leben erhalten, ohne die Knie vor einem Herrscher zu beugen. Die materielle Basis für individuelle Freiheit kann erarbeitet werden, so lange man gesund ist und Freunde und Verwandte hat.

Russland - Ukraine

Zum Fremdschämen

Im Kreml knallen die Krim-Sektkorken. Fein hat man die Westler wieder gegeneinander ausgespielt. Frieden um jeden Preis lautet die erträumte westliche Überlebensformel, die Massenmorde als legitimes Mittel der Politik einpreist. Die Aussicht auf gigantische Profite beschwichtigt das Gewissen, so man eins hat. Das „brillante Narrenspiel der Hoffnung“ (Jacob Burckhardt) betäubt die Sinne der „Unterwerfungspazifisten“ (Ralf Fücks), ob nun in Washington oder in Berlin.
Russland soll laut dem Putin-Trump-Plan versprechen, andere Länder künftig nicht mehr in die Steinzeit zu bomben. Falls es provoziert wird, darf es diese Vereinbarung brechen. Wobei man ja weiß, wie gut Russland im Provozieren ist.

Nichts ist leichter für die Moskauer Machttechniker, als mit dem Wunsch nach Frieden zu spielen. Zum Spiel gehört, dass man Verhandlungsentwürfe in die Öffentlichkeit „durchsticht“ und dann behauptet, die Dokumente nicht zu kennen. Oder dass man unerfüllbare Forderungen aufstellt, um die Schuld für das Scheitern von Verhandlungen der anderen Seite aufzubürden. Oder dass man sich ewig in Details verzettelt. Wer redet, kann weiter schießen, wer nicht redet auch.
In manchen Märchen muss ein Held drei Aufträge erfüllen, die scheinbar unmöglich sind, Steine zum Leben erwecken beispielsweise, aber er schafft alle Aufgaben und heiratet am Ende die Königstochter. Solche Märchenhelden können die Westler nicht sein, dafür sind sie zu zu reich und zu tolpatschig, zu gutgläubig und selbstverliebt. Um aufzuwachen aus dem Schlaf der Vernunft müssten sie zur Kenntnis nehmen UND verstehen, warum sie vom kollektiven Putin gehasst werden, warum der sie öffentlich als Satan beschimpft und dazu aufruft, sie zu töten.
Die kurze Antwort lautet: „Die Waffen des Westens haben mehr als eine Million Russen getötet oder zu Krüppeln gemacht!“ Das stimmt zwar nicht ganz (nicht bloß aus dem Westen stammende Waffen), aber der Glutkern des Hasses hat einen rationalen Kern.

Auch für Putin-Russland ist der Krieg gegen die Ukraine und den Westen (inzwischen) ein Kampf ums Dasein, um den Erhalt der Staatlichkeit, der Mafia-Clanwirtschaft und der Macht der Geheimdienst-Cliquen. Krampfhaft versucht die letzte Kolonialmacht auf Erden der Furie des Verschwindens zu entkommen, dem Absturz in die weltpolitische und ökonomische Bedeutungslosigkeit, der demographischen Katastrophe. Russland und sein Militär muss man fürchten, so der einhellige Tenor der Einpeitscher des Krieges, sonst wird es vom Ausland als Konkurrent nicht ernst genommen, aufgrund seiner miesen Softpower und seiner geringen ökonomischen Bedeutung im Bereich der Hochtechnologien und der Fertigprodukte (mit Ausnahme der Atomenergie-Wirtschaft).

Putin-Russland behauptet im Grunde zurecht, dass in einer friedlichen Welt seine Interessen nicht in ausreichendem Maße geachtet werden. Denn sein bevorzugtes Interesse ist die Ausübung brutaler Gewalt, falls es das Gefühl hat, dass seine Interessen nicht ausreichend geachtet werden. Auch Kriegsverbrecher haben Gefühle, fühlen sich gekränkt, wenn man ihnen ihre Verbrechen vorwirft, welche sie doch nur als Mittel zum Zweck ansehen, als Befreiungsaktionen und humanitäre Hilfe. Die Kränkungsbereitschaft hat strategisches Potential, sie motiviert die russländische Bevölkerung zur Selbstaufopferung.
Westler können wahrscheinlich nicht den Genuss verstehen, reichere und schwächere Länder zu zerstören und vom Präsidenten für Massaker an Zivilisten mit Orden geehrt und mit Prämien belohnt zu werden.

Inzwischen bekunde die Bevölkerungsmehrheit in Umfragen mehr Stolz auf ihr Land und weniger Kritik an den Machthabern als vor Beginn der Großinvasion in die Ukraine, vermeldet der Soziologe Lew Gudkow aus Moskau. (Siehe FAZ Kerstin Holm „Sie wittern überall ausländische Agenten“, 24.11.2025)
Als kurze kleine „Militärische Spezialoperation“ hat es begonnen, inzwischen ist es ein existenzgefährdender Krieg mit Hunderttausenden eigenen Toten – und immer mehr Menschen begrüßen die selbstzerstörerische Entwicklung. Die Gesellschaft in Russland habe eine „negative Identität“, so Lew Gudkow, Russlands bekanntester Soziologe, der vom Staat als „ausländischer Agent“ tituliert wird.

Politik und Gesellschaft

Jugendfreund

Berlin, 04.12.2025
Stoßseufzer eines Jugendfreundes: Ich will in die DDR zurück, in einen übersichtlichen Raum, wo nicht jeden Tag etwas Neues passierte, nicht alle durcheinander quatschten.
Ob ironisch oder ernst gemeint, ich kann den Mann verstehen, auch wenn ich seinen Wunsch nicht teile. In der DDR konnte man die Zahl der Parteien an fünf Fingern abzählen, die der Fernsehprogramme an zwei. Politische Ereignisse waren vorhersehbar, das Angebot an Waren überforderte niemanden. Reisefreiheit galt nur für Rentner und wenige Privilegierte, Meinungsfreiheit war zwar in der Verfassung garantiert, sie zu beanspruchen konnte aber böse enden. Einer, den sie in Berlin-Prenzlauer Berg Mozart nannten, hatte fünf Jahre im Bau gesessen, weil er die Meinung äußerte, die DDR sei wie ein Konzentrationslager mit Stacheldrahtzäunen und Minenfeldern gesichert.
Wenn man die Klappe hielt und brav die angeblich wissenschaftlichen Floskeln der Herrschenden nachplapperte und die Friedhofsruhe als höchsten Ausdruck der Lebendigkeit empfand, konnte man es in dieser „kommoden Diktatur“ aushalten.
Unter kritischen Geistern, unter Bürgerrechtlern und in Künstler- und Theatermilieus, zitierte man lieber den Satz von Ingeborg Bachmann,
„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“. Ein Anspruch, der Hoffnung machte und zu Reisen an unbekannte Ufer aufforderte.

Heute ertrinkt mein Jugendfreund in Informationen, sein Kopf will ihm platzen, weil er nicht entscheiden kann, welche der unendlich vielen Wahrheiten nun wirklich wahr sind. Er kann nicht in jedes Land fahren, das in den Nachrichten genannt wird, um die Nachrichten zu überprüfen. Er soll Leuten vertrauen, die er nicht kennt, nie treffen wird. Der Raum, in dem er sich orientieren soll, ist größer als seine Sinne erfassen können. Er kaut auf Begriffen herum, deren Geschmack und Inhalt er nicht einordnen kann. Er fühlt sich vom Virus des Westens infiziert. So wollte er nie werden wie diese postmodernen Westler, die alles bezweifeln und die Wahrheiten und Erkenntnisse als ausschließlich subjektive Angelegenheiten betrachten, als würde der Regen von von unten nach oben fallen und als sei ein Kriegsverbrechen kein Kriegsverbrechen oder nur eines aus der Perspektive des Opfers.

Russland - Ukraine

Was tun?

Berlin, 21.11.2025
Ihr müht euch ab und kämpft ums Überleben, aber am Ende entscheiden sie in Washington oder Moskau, was mit euch passieren wird, meinte mein Gastgeber gestern.
Ich widersprach ihm natürlich. Niemand kann den Ukrainern Entscheidungen aufzwingen. Solange es möglich ist, werden Ukrainer für ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen (und meine Wenigkeit mit ihnen). Lieber stehend sterben als kniend leben („Lewer duad üs Slaw“).
Mein Gastgeber weist zu Recht darauf hin, wie weit weg sich der Krieg hier in Berlin „anfühlt“; auf entschlossene Unterstützung des Reste-Westens, sprich Europas, sei nicht zu hoffen.
Noch nicht, sage ich. Aber die Menschen hier werden noch lernen, dass sie, wenn sie überleben wollen, kämpfen müssen – und die Ukrainer in ihrem Kampf viel entschlossener als bisher werden unterstützen müssen. In dieser Hinsicht bin ich Optimist: Auch die Menschen in Berlin wollen leben. Zwar haben sie mehrheitlich noch nicht begriffen, was sie dafür tun müssen, aber sie werden es noch begreifen.
Mein Gastgeber bezweifelt auch das, mit nachvollziehbaren Argumenten, beispielsweise der Popularität Diktatur-freundlicher „Unterwerfungspazifisten“ (Ralf Fücks).
In diesem Fall, sage ich, werde ich das Spektakel genießen wie ein Drama im Theater. Natürlich kann ich als Einzelner nichts gegen die Selbstzerfleischungslust ganzer Gesellschaften tun. Unter anderem deshalb lebe ich ja lieber in der Ukraine, weil man dort über solche simplen Fragen nicht streiten muss. Sollten die Menschen im Westen zu schwach und nicht willens sein sich zu verteidigen und in vorauseilendem Gehorsam dem Terror-Staat ruzzland unterwerfen, so ist das eben so. „Denn sie wissen nicht was sie tun“ gilt ja für alle Epochen, auch in Gesellschaften mit unbegrenzten Freiheiten.
Mein Gastgeber vermutete, ich müsste doch verzweifelt sein angesichts der düsteren Aussichten auf die Zukunft. Nun, von wenigen Momenten abgesehen bin ich das nicht. Fast möchte ich sagen, mein Leben war noch nie so interessant wie heute. Der Kampf zwischen Lebens- und Todestrieb ist noch nicht entschieden. Aber ich kann sagen, ich bin dabei gewesen, als er tobte.

Passend hierzu meine Notizen zu einer Frage, die der Politikwissenschaftler Thomas Jäger stellte: „Glauben Sie wirklich, die Logik hinter Putins Strategie zu verstehen? Ist es nur Machtgier oder steckt ein rationaler, wenn auch zynischer, Plan dahinter, den wir im Westen übersehen?“
Die Strategien des kollektiven Putin ändern sich ständig, die Logik bleibt gleich. Im Westen wird fast alles Wichtige übersehen, vor allem die eigene Gefährlichkeit für kriminelle Regime – und wie zynisch die Gesprächs- und Dialogkultur auf diese wirkt, da sie keine anderen Möglichkeiten der Existenzsicherung haben als gewalttätige. Löwen können sich nicht von Schokoladenpudding ernähren.
Für Putin-Russland ist es attraktiv und lukrativ, den „Pfeffersäcken“ im Westen Angst einzujagen, sie zu erpressen und möglichst wieder der Gendarm Europas zu werden. Frieden und Stabilität sind für ruzzen ja langweilig, wie ihr Führer erklärte. Aus lauter Langeweile kopuliert die Macht im Kreml mit der Apokalypse, abgrundtiefer kann der Abgrund des Nihilismus nicht sein. Man will Action und nicht in Verhandlungen über unüberbrückbare Widersprüche einschlafen. In der Ukraine und im Westen locken reiche Beute. Der zynische Plan des kollektiven putin ist es, so zu sein wie man ist.

Russland - Ukraine

Luxus und Notruf

Berlin, 19.11.2025
Welch ein Luxus, mitten im Krieg nach Deutschland zu fahren, mich in zwei Krankenhäusern behandeln zu lassen, wo mir Technik im Wert von 40.000 Euro eingepflanzt werden soll; außerdem Medikamente im Wert von einigen Tausend Euro zu bekommen; außerdem von einem großartigen Hausarzt betreut zu werden (dessen Tochter in der Ukraine „die Stellung hält“) und von einem Kardiologen, der zufällig ein früherer Schachfreund ist und mir „zeitnahe“ Termine organisierte. Ein paar Euro muss ich zuzahlen, 10 Euro pro Krankenhaustag, paar Euro für die Medikamente – geschenkt. Was für ein Gesundheitswesen! Was für ein Glück, Deutscher zu sein! Wie gut, dass ich immer brav meine Krankenversuícherung gezahlt habe. Wenn ich da an manche (viele) Ukrainer denke …

Aus Poltawa erreicht mich ein Notruf. Die Territorialverteidigung braucht dringend eine Power Bank EcoFlow im Wert von 1000 Euro. Was meint ihr, können wir helfen? Ich kenne die Leute dort persönlich, das sind großartige Kämpfer. Alexander H. würde wieder dankenswerte Weise den Ankauf und Versand organisieren. Auch kleinere Spenden sind sehr willkommen!

Humanitas Ukraine
Betreff: NGO Poltawa
IBAN: DE62201901090003262590
SWIFT: GENODEF1HH4
VOLKSBANK RAIFFEISENBANK

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