Russland - Ukraine
Verzweiflung in Moskau
Poltawa, 20.04.2025
Man hört oft die Behauptung, die meisten Menschen in der Ukraine reagierten gar nicht mehr auf das Heulen der Sirenen, auf Luftalarme.
Was mich angeht, so stimmt diese Behauptung nicht. Ich gehe zwar fast nie in Luftschutzbunker, wie vor vier Jahren. Aber ein atheistisches Stoßgebet schicke ich eigentlich immer zum Himmel, wenn vor anfliegenden Raketen- oder Drohnen gewarnt wird. Ich fluche auf der Straße. Ich sehe zum Himmel. Die „Mopeds“ sind ja mittlerweile fast jeden Tag zu hören.
Nastja, eine junge Frau aus unserem Kulturzentrum, wurde bei solch einem Angriff in Poltawa getötet. Ich sehe ihr Gesicht vor mir, erinnere mich an unser letztes Gespräch, an ihre höflichen Fragen. Solch ein kluger, engagierter Mensch. Eine ihrer besonderen Gaben: zwischen Künstlern und Behörden zu vermitteln, Vereinbarungen zu treffen, Ideen zu erklären. Sie verstand beide Seiten und deren Interessen, wurde mir erzählt. Und dann, der Schock – ermordet, begraben unter Trümmern.
So kann es jede und jeden treffen in diesem verfluchten Krieg, faktisch Tag und Nacht. Einer der beiden Freiwilligen aus der Schweiz, die uns das gespendete Auto für Invaliden brachten, meinte zu mir in Lviv, seine größte Angst hier im Kriegsgebiet sei es, schwer verletzt zu werden, nicht, getötet zu werden. Das sagt sich leicht; wahrscheinlich könnten viele diesen Satz unterschreiben. (Meine einzige Angst, falls meine Selbstbeobachtung stimmt: in Gefangenschaft zu geraten. Aber wahrscheinlich würde mein Herz schnell versagen; ohne Medikamente sowieso.)
Ich habe mal wieder einen Artikel für die NZZ geschrieben, über die Verzweiflung und Wut in ruzzlands Kriegsforen und Öffentlichkeiten. Herrlich, wie sie dort inzwischen verstanden haben, dass sie „am Ar …“ sind. Wie ich es vom ersten Tag an gesagt habe: Sie können die Ukrainer nicht besiegen. Niemals. Quantität ist eben nur ein Faktor von mehreren gleichwertigen, wie Intelligenz, Selbstachtung, Fähigkeit zur Selbstkritik, Erfindungsreichtum, Humor etc. Aber das ist ja nichts Neues, außer für Zeugen des Sofas.
Einziges Rätsel derzeit im Sumpfland im Norden: Dass viele Einpeitscher des Krieges jetzt „defätistische“ Äußerungen wagen, für die sie vor Kurzen noch in den Knast gekommen oder vom Balkon geflogen wären. Mark Feygin meinte Samstag im Gespräch mit Dmitri Gordon, das sei nur mit Rückendeckung des FSB möglich. Quasi, der „KGB bereitet putlers Ablösung vor“. Wir werden es sehen. Aber (moralisches) Sumpfland bleibt das Land der Sümpfe.
Russland - Ukraine
Das Wichtigste wird gern übersehen
Poltawa, 27.03.2026
Historiker: «Der Anspruch auf die Ukraine wird von Putin nicht imperialistisch begründet, sondern nationalistisch, weil er behauptet, sie gehöre zu seiner Nation. Er spricht hier nicht vom russischen Imperium, er spricht von der russischen Nation. Insofern ist seine Argumentation nationalistisch und nicht imperialistisch.»
Die materiellen Gründe wird er nicht nennen. Allein der Gesamtwert der ukrainischen Bodenschätze wird auf ca. 15 Billionen US-Dollar geschätzt. ruzzlands bisherige direkte Kriegskosten belaufen sich wohl auf ca. eine halbe Billion Dollar.
Mit imperialistischen Begründungen kann der Gewaltherrscher im Kreml den Feind nicht verwirren. Äußerungen wie „ruzzlands Grenzen enden nirgendwo“ oder „ruzzland ist dort, wo Russisch gesprochen wird“ haben aber durchaus imperialistischen Charakter.
Die nationalistischen Rechtfertigungen klingen noch am ehesten glaubhaft, vor allem für Zeugen des Sofas, die Land und Leute nicht kennen.
Letztlich gilt: Schei … egal, wie er etwas begründet.
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Patt?
Poltawa, 27.03.2026
Immer wieder dieser Unsinn mit der angeblichen Patt-Situation des Krieges. Nicht jedes Unentschieden ist ein Patt, Herrgott nochmal. Wenn es ein Patt wäre, wäre der Krieg zu Ende. Dann kann einer der beiden Gegner keine Züge mehr machen, weil das Befehlszentrum (der König) gelähmt ist. Das ist offensichtlich in diesem Krieg derzeit nicht der Fall. Außerdem kann bei einem Patts auch der Gegner, dessen Befehlszentrum nicht gelähmt ist, nicht mehr handeln, da im Schach, im Gegensatz zum Krieg, sportliche Regeln herrschen.
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Grässlich
Wir sind in einer zerschossenen Siedlung im Donbas. Ein Flieger der Sumpfgeschöpfe aus dem Norden versprüht Phosphor über dem Waldstreifen vor uns. Wir suchen in der Ruine eines Hauses Schutz, unter den starken Betontreppen am Eingang. Die Luft ist brennend heiß, ich kann kaum atmen. Mein Freund reißt sich die Kleider vom Leib und setzt sich hin. Sein Rücken ist mit blutenden Striemen überzogen. Sein Gesicht ebenfalls. Meins auch, sagt er. Ich will mit dem Smartphone einen Notruf absetzen, tippe auf das Glas. Dabei verformt sich das Gerät, das Glas ist weich wie Brei. Wir laufen ins Dorfzentrum vorbei an Ruinen. Ich erinnere mich, dort eine Apotheke gesehen zu haben. Die Tür zur Apotheke steht offen, doch in dem rußgeschwärzten Raum sind nur drei Soldaten. Sie haben keine Medikamente oder nicht genug, um uns zu helfen. Wir laufen weiter und treffen zwischen den Mauern eines Hauses Freunde aus Poltawa. Sie übergießen uns mit kaltem Wasser. Ich wache auf.
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Aufruf
Liebe Freundinnen und Freunde!
Seit vier Jahren kämpfen wir ums Überleben. Russland versucht uns in die Steinzeit zu bomben. Aber wir geben nicht auf. Wir verteidigen unsere Freiheit und die Freiheit Europas.
In unserer Hilfsorganisation „Einheit Blisnjuki“ im Oblast Charkiw sind alle Freiwilligen hoch motiviert. Denn die nächste Front ist nur knapp vierzig Kilometer entfernt. Niemand will unter russischer Besatzung leben. Wir fahren regelmäßig in „heiße Zonen“ und unterstützen Dutzende Brigaden, aber auch geflohene Menschen, Invaliden und kinderreiche Familien.
In diesem Jahr konnten wir schon fünf Evakuierungsfahrzeuge kaufen und übergeben. Und einen in der Schweiz gespendeten Mercedes-Sprinter speziell für Invaliden- und Rollstuhltransporte kann ich demnächst in Lviv abholen.
Wir brauchen derzeit aber auch viel Material für Tarnnetze, Kosten 1000 Euro pro Monat, außerdem 25 Schlafsäcke, Powerbanks und Starlinks. Viele Hilfsgüter können zwar durch die Spenden der Einheimischen finanziert werden. Aber das reicht bei weitem nicht aus.
Deshalb: Es wäre großartig, wenn ihr unsere Arbeit unterstützen könnt! Jede Spende zählt. Unabhängig von der Höhe hilft jeder Beitrag, konkrete Not zu lindern und Hoffnung zu schenken.
Wir freuen uns sehr, dass Alexander Schumski und Interbridge Nürnberg e.V. mit uns zusammenarbeiten wollen. Alexander und die anderen Freiwilligen bringen regelmäßig Hilfsgüter in die Ukraine.
Spenden bitte an:
Interbridge Nbg e.V.
IBAN: DE44 7605 0101 0013 7063 12
BIC/SWIFT: SSKNDE77XXX
Zweck: Hilfe Donbas
Herzlichen Dank!
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Im Chatroulette
Von neunzig ruzzländischen Soldaten sind nach drei Wochen noch sechzehn zurückgekehrt. Die anderen düngen ukrainische Erde. Der Mann, der das erzählt, will nach Hause zu seiner Frau und zu seinem Sohn in Kaliningrad. Er wünscht sich eine Verletzung, die ihm die Heimkehr ermöglichen soll.
Kalinin war der Schreibtischmörder, der den Befehl zur Deportation der Wolga-Deutschen unterschrieb. Den Befehl hatte ich vor etlichen Jahren im Museum der Deutschen in der Stadt Engels an der Wolga selbst gesehen. Wenige Schritte neben dem Museum stand ein Kalinin-Denkmal, vor dem frische Blumen lagen. Und natürlich steht es dort auch heute noch.
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Frauenraub, Verzwergung der ruzzen, Stasi-KGB-FSB-Mafia
Kriegstagebuch, Poltawa, 31.01. – 03.02.2026
Die Sirenen heulen wieder. Fast habe ich diesen Ton schon vermisst. Die Sumpfgeschöpfe aus dem Norden greifen an. Angeblich sollen sie dem Manjak in Washington versprochen haben, uns eine Woche lange nicht in die Steinzeit zu bomben. Vielleicht werden sie „nur“ unsere Häuser beschießen, „nur“ Krankenhäuser, „nur“ friedliche, schlafende Menschen töten. Oder „nur“ Cyber-Attacken auf unsere Energieanlagen starten, damit wir geräuschlos erfrieren.
Dabei wollte ich jetzt über putin-ruzzlands 97 Kriegsgründe schreiben, insbesondere über die meist unterschätzten bzw. übersehenen – über „Frauenraub“ und über die körperliche Verzwergung der ruzzländischen Bevölkerung.
Frauenraub ist bekanntlich einer der ältesten Kriegsgründe der Menschheit. Nun haben die Westler seit dem Zusammenbruch des Vielvölkergefängnisses UdSSR zig-zehntausende ruzzländische Frauen zwar nicht geraubt, sondern nur verführt und „entführt“, u.a. indem sie ihnen – Stichwort Heiratstourismus – einen besseren Lebensstandard anboten als es durchschnittliche ruzzländische Männer hätten tun können, und indem sie ihnen glaubwürdig versicherten, dass es bei ihnen im Westen nicht üblich sei, Frauen zu verprügeln oder tot zu schlagen, aber – großes Aber – auf ruzzländische Männer wirkte es so, als würden westliche Männer „ihre“ Frauen rauben / entführen. (Aus „meiner“ Seminargruppe in Saratow hat meines Wissens die Hälfte der Mädels in den Westen und in die Türkei geheiratet.) Dies dazu.
Und die Verzwergung ist ein kaum bekannter Fakt. Rekruten im ruzzländischen Militär sind Jahr für Jahr kleiner, so eine Statistik des ruzzländischen Generalstabs, die vor einigen Jahren sogar Ria Novosti veröffentlichte. Sigmund Freud lässt grüßen. Wie peinlich für das „Siegervolk“, die Möchtegern-Beherrscher der Welt, den „Gendarm Europas“, dass sie aufgrund von Alkoholismus , schlechter Ernährung und negativer Auslese – inzwischen kleiner sind als durchschnittliche Asiaten, wie damals das Autorenkollektiv der ruzzländischen Nachrichtenagentur zerknirscht / beleidigt (?) schrieb.
Natürlich hassen die ruzzen die erfolgreicheren, besser lebenden Westler und die freiheitsliebenden Ukrainer auch aus diesen Gründen. Das versteht sich doch von selbst.
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«Deutschland hat die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt»
NZZ, 01.02.2026: Mehr als bloss ignorant: «Deutschland hat die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt», sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk
„Deutschland fällt es bis heute schwer, Russland als Aggressor zu begreifen. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk erklärt, wie die Verklärung von Gorbatschow, Schuldgefühle und ein grundlegendes Unverständnis Russlands zu einer fatalen Realitätsverweigerung geführt haben.“
Verquikung von Welt- und persönlicher Geschichte in wenigen Zeilen:
NZZ: „Warum kümmerte dies eine Mehrheit nicht (ruzzlands Überfall 2014 auf die Krim)?»
Ilko-Sascha Kowalczuk: „Weil die deutsche Öffentlichkeit das als einen innersowjetischen Konflikt sah, als einen Bruderkrieg. Man hat gar nicht gewusst, dass die Ukraine das grösste Land Europas ist, wo dieses Land überhaupt liegt oder wem die Krim gehört. Dabei sind die Staatsgrenzen beim Budapester Memorandum 1994 von allen akzeptiert worden. Mir tut das besonders weh. Ich habe einen ukrainischen Grossvater, der für seinen Kampf um eine freie Ukraine zum Tode verurteilt worden ist. (!) Doch in der DDR war ich für alle der Russe. (!) Die (Ostdeutschen) haben die Sowjetunion so gehasst, dass es vollkommen wurst war, ob man aus Tadschikistan, Russland oder der Ukraine stammte.»
Schreckliche Ein- und Aussichten:
Ilko-Sascha Kowalczuk: „… die meisten Menschen im Osten (Deutschlands) haben nie gelernt, dass man sich in einer freiheitlichen Demokratie selber um die Probleme kümmern muss. Die erwarten immer noch, dass der Staat alles für sie regelt. Und so schimpfen alle und kommen aus diesen Erregungsspiralen nicht heraus. Einen Ausweg aus dieser Destruktionswut sehe ich ehrlich gesagt nicht. Wir stehen an der Pforte zum autoritären Zeitalter. …
Wenn Putins Armee morgen vor Warschau stünde, hätte Deutschland ein Riesenproblem. Die Mehrheit würde kapitulieren und weisse Flaggen hissen. Und diejenigen, die Widerstand leisteten, würden gehasst.»
Politik und Gesellschaft
„Vergeltungswaffen“
Joerg Drescher, Kyiv:
„Laut des Sprechers der russischen Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, wollen Mitglieder des russischen Parlaments den Einsatz sogenannter „Vergeltungswaffen“ gegen die Ukraine fordern. Das deshalb, weil Selensky keinen Bock hat, nach Moskau zu reisen.
KI nach den deutschen „Vergeltungswaffen“ aus dem 2. WK gefragt:
Die deutschen Vergeltungswaffen (V-Waffen) waren Fernwaffen, die im 2. WK (vor allem ab 1944) als „Wunderwaffen“ gegen alliierte Städte, insbesondere London und Antwerpen, eingesetzt wurden. Die V1 (Fieseler Fi 103) war ein Marschflugkörper, die V2 (Aggregat 4) die erste funktionsfähige ballistische Rakete. Ihr Einsatz blieb militärisch wirkungslos. Kein Kommentar.“
Russland - Ukraine
Heilige Einfalt (Leider ekliges Thema)
Kriegstagebuch, Poltawa, 31.01.2026
Dieser junge deutsche Mann (Podcaster Ole Nymoen) würde lieber unter ruzzischer Besatzung leben, als gegen die ruzzen zu kämpfen – „für den deutschen Staat“, wie er sagt; „für seine Nächsten und Liebsten“ würden nicht verblendete Menschen sagen.
„Sie glauben, dass, wenn dort Frieden irgendwann (ent-)steht, dass dann permanent alle weiter vergewaltigt und massakriert werden?“, fragt er. (ab min. 15:25)
1. Die Besatzer fürchten aber, dass jeder Nicht-ruzze ein Feind sein kann, also kann ihrer Meinung nach auch jeder massakriert werden.
2. Der junge Mann ist nicht hässlich, ihn werden die Besatzer womöglich lieber vergewaltigen als einen Opa wie mich.
3. Einen Mann oder eine Frau zu massakrieren, kann viele andere einschüchtern. Deshalb: Schon um zu zeigen, dass sie jedes Verbrechen straflos begehen können, werden die Besatz dies tun. Und weil es ihrer „Kultur“ entspricht. Und das ist keine Frage des Glaubens.
Ein Mensch mit Selbstachtung könnte einfach sagen: Allein, um diese Risiken zu vermeiden, kämpfe ich für meine Freiheit und Selbstbestimmung, und für die meiner Nächsten und Liebsten, meiner Nachbarn und Mitmenschen. Egal, ob das Staatswesen nun seinen Idealen entspricht oder nicht.