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Hilfsmotor u.a.

Kriegstagebuch, Poltawa, 26.11.2026 (Geburtstag meines Erzeugers, der heute 90 Jahre alt geworden wäre. Verflucht sei seine Asche.)
Heute war ich im Krankenhaus in Poltawa. Mein amerikanischer Hilfsmotor fürs Herz wird überprüft. Alles in Ordnung. Ich frage den Arzt, ob ukrainische Patienten für solch ein Teil bezahlen müssten. Er verneint. Das Problem sei nur, dass man längere Zeit warten müsste. In Deutschland gibt es nicht genug Ärzte, bei uns nicht genug Herzschrittmacher, sagt er.
Woher weiß er das, falls es stimmt? Meines Wissens fehlen in Deutschland Hausärzte. Aber Kardiologen? Keine Ahnung. Ich hatte im letzten Jahr sowieso Glück. „Mein“ Berliner Kardiologe ist zufällig ein früherer Schachfreund, er besorgte mir bequeme Termine. „Mein“ Berliner Hausarzt, der mich an den Kardiologen überwies, meinte, das sei kein Glück, sondern Schicksal.
Der Hausarzt ist gar nicht „zufällig“ ein Facebook-Freund. Er bot sich mir bei meiner Veranstaltung in der Immanuelkirche als Hausarzt an, was ja auch ziemlich erstaunlich ist. „Du willst doch putin noch ein paar Jahre ärgern“, argumentierte mir. Ohne ihn hätte ich mich in Deutschland nicht untersuchen lassen. Ein witziger Typ, als Arzt sehr gewissenhaft, hilfsbereit, geradezu fürsorglich. Und – er ist ein Ukrainer! Eine seiner Töchter arbeitet noch in Sumy. Er hilft mir wohl (in besonderem Maße), weil ich hier helfe.
Was im Krankenhaus mal wieder „ein bisschen komisch“ war: die Kommunikation. Der Arzt, der mich zur Untersuchung brachte, redete nicht mit mir, sondern zeigte mit Handzeichen, wohin wir gehen sollen. Aber als ich dann mit dem älteren Arzt während der Untersuchung plauderte (ihn interviewte), da wurde auch der jüngere Arzt gesprächig. Meine Frage, ob sie nur den gegenwärtigen Zustand des „Stimulators“ sehen oder auch „das Archiv“, beantwortet er sogar mit einem längeren Satz.
Der Taxi-Fahrer am Morgen ebenso: Zuerst war er maulfaul (schönes Wort; benutzt das noch jemand in Deutschland?), dann wünschte er mir sehr höflich, dass alle meine „Ideen und Pläne“ für den heutigen Tag gelingen mögen.

Thema „Wärme, Strom, Wasser“: Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, aber ich habe die ganze Zeit alles in Poltawa; nur an einem Tag wurde nicht geheizt.

Thema „Arbeit als Freiwilliger“: Dank der GÖTTLICHEN SÄNGERIN Christina Daletska konnten wir in diesem Monat VIER Autos kaufen / ins Frontgebiet bringen !!! Und ein Auto konnte ich für die Territorialverteidigung Poltawa kaufen. Dafür musste ich 12 Tage lang am Geldautomaten das Limit ausschöpfen und letztlich ein Kilogramm Geld übergeben. Und hoffentlich in dieser Woche bekommen wir noch ein spezielles Auto für Invaliden, das ich in Lviv abholen soll. „Hinter den Kulissen“ sind wir also bienenfleißig.
Demnächst ist noch der Ankauf / Transport von Powerbanks im Wert von 10.000 Euro zu organisieren. Der Chef der Spender ist, so sagte man mir, „ein Fan von mir“ – was auch immer das bedeutet.
Und ein Kollege aus Österreich möchte mich besuchen und ein Porträt über mich schreiben. Das irritiert mich. Ich wüsste nicht, was es über mich zu berichten gibt.

Pariser Party-Gespräche aus dem 19. Jahrhundert

Poltawa, 14.01.2025
Sozusagen Smalltalk von damals. Auffällig: mit einigen Ideen und Trends der heutigen Zeit haben sich diese Leute auch schon abgeplagt und amüsiert.

„Heute, am Endpunkt der Zivilisation, hat unsere Gesellschaft die Macht den Einflußbereichen gemäß aufgeteilt, und wir haben nun Machtgruppen, die da heißen: Industrie, Gedanke, Geld, Wort. Die Macht, die keine Einheit mehr hat, schreitet unaufhörlich einer sozialen Auflösung entgegen, der nur noch vom Eigennutz eine Schranke gesetzt wird.“ (!)

»Der Verstand hat alles getötet!« rief der Karlist. »Hören Sie auf, die unbeschränkte Freiheit führt die Völker zum Selbstmord, sie langweilen sich in ihrem Triumph wie ein englischer Millionär.« (Sie amüsieren sich zu Tode.)

»Was sagen Sie uns Neues? Heutzutage findet man jegliche Macht lächerlich», (Ressentiments) „und das ist ebenso üblich geworden, wie Gott zu leugnen. Man hat keinen Glauben mehr. Darum ist auch das Jahrhundert wie ein alter Sultan der Ausschweifung erlegen. Schließlich hat euer Lord Byron in letzter poetischer Verzweiflung die Leidenschaft des Verbrechens besungen.« (Netflix, Drogen“barone“ als positive Helden)

»Wissen Sie«, antwortete ihm der volltrunkene Bianchon, »daß uns ein Gran Phosphor mehr oder weniger zum Genie oder Bösewicht, zum Mann von Geist oder zum Idioten, zum tugendhaften Menschen oder zum Verbrecher macht?«

»Kann man so von Tugend reden?« rief Cursy; »der Tugend, dem Gegenstand aller Theaterstücke, der Lösung aller Dramen, dem Fundament aller Gerichtshöfe.“
»Ja, Verehrter, die gegenwärtige Regierung repräsentiert die Kunst, die öffentliche Meinung herrschen zu lassen.«“

»Die öffentliche Meinung? Das ist doch eine ganz lasterhafte käufliche Dirne. Wenn man euch Männern der Moral und Politik zuhört, so müßte man stets eure Gesetze der Natur, die öffentliche Meinung dem Gewissen vorziehen. Geht mir, alles ist wahr, alles ist falsch!“ (! – das Phantom der Postmoderne lässt grüßen)

»Kant, Monsieur? Auch so ein Ballon, den man aufsteigen ließ, um die Flachköpfe zu amüsieren. Materialismus und Spiritualismus, das sind zwei hübsche Rackets, mit denen Scharlatane in Roben denselben Ball schlagen.» (! – Liberalismus und Esoterik)

„Ob Gott in allem sei, wie Spinoza sagt, oder ob alles von Gott kommt, wie Sankt Paulus sagt … Dummköpfe! Eine Tür öffnen oder schließen, ist das nicht dieselbe Bewegung? Kommt das Ei von der Henne oder die Henne vom Ei? (Reichen Sie mir mal den Entenbraten!) Das ist die ganze Wissenschaft.«

Aus „Gesammelte Werke: Realistische Gesellschaftsporträts aus Paris und Frankreich des 19. Jahrhunderts: Charakterstudien, Bourgeoisie, Melancholie, Verhängnis“ von Honoré de Balzac

Geigen für Charkiw

Kriegstagebuch, Poltawa, 19.01.2026
Urban kam heute Nacht aus der Schweiz „hereingeschneit“, einer dieser stillen Helden. Wieder bringt er eine Fuhre nützlicher Dinge nach Charkiw. Beispielsweise Musikinstrumente !!! Für die dortige Akademie der Künste, für junge Künstler. Geigen, Klaviere, Schlagzeuge, super teure elektronische Technik. In Charkiw besucht er dieser Tage ein Konzert mit „seinen“ Instrumenten; Ehrengast ist der Bürgermeister. Gutherzige Menschen aus der Schweiz spendeten Instrumente und natürlich auch Fränkli.

Urban wollte gestern am frühen Abend ankommen, aber der Diesel in seinem Automotor war „eingefroren“. In Kamjanez-Podilskyj, wo er zuletzt übernachtet hatte, waren es nachts minus 25 Grad gewesen. Es gibt speziellen Diesel für starke Fröste zu kaufen, aber das wusste er nicht, ich auch nicht. So kündigte er seine Ankunft für ein Uhr morgens an. Zur Sperrstunde! Aber gut, ein Freiwilliger aus der Schweiz, mit Schweizer Kennzeichen am Auto und am Anhänger, dazu dem Slogan „Ukraine help“, da bekommt er natürlich von jedem Hilfe, auch während des nächtlichen Fahrverbots.

Gestern Nacht funktionierte das GPS nicht, wahrscheinlich wegen Luftalarm, der Gefahr der Raketenangriffe. Und die Stadt war dunkel, es wird ja jetzt endlich konsequent Strom gespart – die Geschäfte sollen keine Reklame beleuchten, was meines Erachtens schon längst hätte befohlen werden sollen. Urban rief mich von einer Tankstelle am Stadtrand an. Er dachte, ich könnte ihn von dort mit dem Auto ins Zentrum lotsen. Aber ich besitze ja kein Auto, nur ein Fahrrad.

Also bat ich den Tankwart am Telefon, Urban die Fahrstrecke aufzuzeichnen, die ja „eigentlich“ ganz einfach ist – immer geradeaus, dann 500 Meter nach links. Aber im Dunkeln und ohne GPS für einen Fremden eben doch nicht. Nach einer Stunde kam er endlich an! Eine Militärstreife hatte ihm geholfen, zwei junge Männer, die im Charkiwer Gebiet arbeiten. Die freuten sich, helfen zu können, und fanden es ein bisschen verrückt, dass ein Schweizer und ein Deutscher nachts humanitäre Güter durch die Stadt transportierten – diesmal vor allem Ausrüstung für die Feuerwehren in Charkiw, auch Schutzkleidung. Wir verstanden uns mit den Soldaten „auf Anhieb“ ausgezeichnet – man tauscht die Codes aus und überlegt, wie man einander helfen kann, auch nachts auf der Straße, während die Atemluft gefriert.

Urban wollte gleich schlafen, das war mir recht, halb drei Uhr nachts. Am Morgen beratschlagten wir, wie wir in Zukunft besser zusammenarbeiten können. Einen gespendeten Invaliden-Transporter sollen wir Ende des Monats bekommen, ich werde ihn wohl in Lviv abholen. Urban braucht für die großen Fuhren, die großen LKW, ein zwei sichere Stellplätze zwischen der Grenze und Poltawa. Ein „ergiebiges“ Thema war natürlich auch die Bürokratie im internationalen Transportwesen, wobei es ja Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland gibt, wegen der Schweizer Neutralität. Schweizer dürfen auf keinen Fall das Militär unterstützen, wohl auch nicht mit Autos für Verwundetentransporte, das widerspricht dem humanistischen Geist, weil diese Fahrzeuge ja auch militärisch genutzt werden können (Dual-Use-Güter).

Alle Freiwilligen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite, haben etwas gemeinsam. Sie „brennen für die Sache“. Sie fahren tage- und nächtelange durch Winterstürme, um Geigen nach Charkiw zu bringen, in eine zweifellos gefährliche Stadt. Oder sie spenden ihre gesamten Ersparnisse, 200.000 Euro, oder sie nehmen für 18.000 Euro Kredite auf, um Autos für die Brigaden zu kaufen. Keine Aufgabe ist zu schwer, als dass sie nicht bewältigt werden könnte. Man prüft ständig neue Möglichkeiten. Da alle freiwillig und kostenlos arbeiten, gibt es auch keinen „Hickhack“, keine blöden Rangkämpfe oder Eitelkeiten. Wie gesagt, unter denen, mit denen ich regelmäßig zusammenarbeite.

Alle träumen auch mal über die Zeit nach dem Krieg. Dann wollen die Schweizer Spender, unter ihnen viele Musiker, nach Charkiw fahren und dort Meisterkurse geben. Oder Ukrainer wollen als Gruppe durch Europa reisen und historische Sehenswürdigkeiten endlich einmal selbst sehen. Also in einer fernen Zukunft.

„ruzzische Welt“ – wenn Psychologen weinen

07.01.2026
Für einigermaßen kultivierte Menschen ist es unbegreiflich, wie (und wo!) ruzzische Folterknechte ukrainische Gefangene quälen, ob Soldaten oder Zivilisten. Immerhin lehren solche Beispiele auch, dass sowohl die Ukraine als auch der Reste-Westen nicht bloß „westliche Werte“ verteidigen müssen, nicht bloß Moral und Freiheit, sondern vor allem anderen schlichtweg sich selbst, ihr Überleben. Krieg ist nun einmal arbeitsteiliger Kampf um Leben und Tod, ob einem das gefällt oder nicht.

«Alexey überlebte Elektroschocks, ständige Schläge und Schlafentzug. Ihm wurden Zähne gezogen, Nase und Wirbel gebrochen und Muskeln aus den Schultern gerissen, und das war nur ein Teil der Folter. Am schlimmsten war für ihn der unstillbare Hunger, der ihn dazu trieb, Ratten, Seife und sogar Schimmel zu essen. In Gefangenschaft verlor Oleksiy 40 Kilogramm an Gewicht und 7 Zentimeter an Körpergröße.»
Trotzdem fand der Mann die Kraft, seine Erlebnisse zu teilen, damit die Welt von den Verbrechen der Russen erfuhr. Alexey schrieb das Buch „Jingle Bellz“, in dem er seine Gefangenschaftserfahrungen beschrieb und reflektierte.

Als ich bereits im Zentralen Kursk-Gefängnis war, wurde ein Zivilist namens Andrij, der in Lukaschiwka gefangen genommen worden war, drei Tage lang in eine Zelle gesperrt. Er berichtete, die Russen hätten ihn in eine Folterkammer gebracht, die sie in der örtlichen Kirche (!) des Moskauer Patriarchats eingerichtet hatten.“ …
Oleksijs Vater und sechs weitere verwundete Soldaten wurden in einer Kirche lebendig verbrannt. Seine sterblichen Überreste wurden später durch DNA-Analysen identifiziert und erneut beigesetzt. …
Den Gefangenen wurde eine Minute zum Essen gegeben. Da Oleksiy eine Kieferverletzung hatte, fiel ihm das Kauen schwer, und er schaffte es irgendwie nicht, das Brot zu essen. Dies fiel dem Wärter auf, der daraufhin anordnete, dem Mann zur Strafe die Zähne zu ziehen. …

„An dem Tag hatte ich Dienst in der Zelle. Ein Wärter fragte, ob orthodoxe Christen unter uns seien. Ich antwortete, dass alle orthodox seien. Daraufhin sagte er: ‚Vielleicht möchten Sie heute ein Ei?‘ Ich war sehr überrascht. Ich sagte: ‚Wenn es klappt, wären wir Ihnen sehr dankbar.‘“

Zum Mittag- und Abendessen gaben sie uns ein in Wasser getränktes Kohlblatt. Davon hatte er nur zehn Minuten Energie. Ich fragte, ob es wie versprochen ein Ei gäbe. Der Wachmann bejahte. Bei der abendlichen Kontrolle führten sie uns hinaus und fingen an, uns in den Schritt zu schlagen. Sie fragten, ob jemand Kinder habe und wie viele. Diejenigen, die angeblich keine Kinder mehr bräuchten, wurden am härtesten geschlagen. Und solche Schläge gab es an jedem Feiertag“, sagt Oleksiy. …

Er suchte (nach dem Gefangenenaustausch) auch Psychologen auf. Doch die meisten Spezialisten hätten seine Erzählungen aus der Gefangenschaft nicht ertragen können und angefangen zu weinen. Deshalb begann Oleksiy, sich mithilfe von Büchern selbst weiterzubilden. Seine Rehabilitation dauert noch an.

https://life.pravda.com.ua/society/istoriya-oleksiya-anuli-yakiy-perezhiv-10-misyaciv-polonu-312444/

Werner Herzog u.a.

Poltawa, 31.12.2025
Die nächste Enttäuschung. Jetzt erzählt auch Werner Herzog Unsinn. Man kann schon ein Denkmal errichten mit den Namen deutscher Intellektueller, die in Bezug auf ruzzland ihre Kompetenzen überschätzen und denen, die ihnen mit ihrer Ermordung drohen, Entschuldigungen liefern. Denen, die sie auslachen, die sie verachten, die sich über ihre Entschuldigungen amüsieren. Christoph Hein (der ukrainische Freiheitskämpfer mit Wehrmachtssoldaten gleichsetzte), Jürgen Habermas, Alexander Kluge.
Deutschland befinde sich im Sinkflug, „weil man sich von russischem Gas (und von der Atomkraft) abgekapselt“ habe, meint Werner Herzog im ansonsten ganz klugen Interview mit dem SPIEGEL. „Das hat alles mit der Überbewertung des Moralischen als politischer Kategorie zu tun. … Schon Gorbatschow, mit dem ich 2018 einen Film gemacht habe, beklagte sich bitter über die vielen versäumten Gelegenheiten, West und Ost näher zusammenzubringen. Verschlechtert hat sich dann alles durch die – so sehe ich es – Dämonisierung Russlands.»
Wenn er Russisch könnte hätte er die Chance, die Peinlichkeit seiner Einschätzung zu erkennen. Wenn er den Einpeitschern des Krieges in Moskau jahrelang zugehört hätte, wie das zum Pflichtprogramm der meisten Osteuropawissenschaftler gehört, hätte er womöglich geschwiegen. Russland muss nicht dämonisiert wird, es beweist durch seine Handlungen, dass es ein verabscheuungswürdiges politisches Subjekt ist. Die braven naiven tumben Westler sind mehrheitlich weder bereit noch fähig, die Qualität des Bösen, der reinen Mordlust, zu begreifen, die dieses putin-ruzzland darstellt.

Auftrag erfüllt

B., Obast Charkiw, 25.12.2025
Drei Bataillone einer Brigade haben wir besucht, alle nördlich von Pokrowsk stationiert, in guten Verstecken, an unauffälligen Orten. Irgendwo in der Ferne ballerte dort immer wieder Artiellerie, unsere und feindliche. Die schwarzen Rauchfahnen am Himmel waren allerdings gar nicht so weit entfernt, nach meinem laienhaften Gefühl geurteilt. Die Kämpfer bezeichneten sie als „Feuer-Show“. – Gefahren werden oft verspottet, ein endloses Thema.
Man muss ziemlich viel Eintritt bezahlen, wenn man diese Feuer-Show sehen will. Die Miete für eines der Häuschen, in dem einige Kämpfer schlafen, ist völlig überteuert. Sie nehmen dem Eigentümer das Haus nicht etwa weg, sagen wir zeitweise. Was meines Erachtens legitim wäre oder sein sollte. Sie achten Recht und Gesetz und verhandelten mit dem Vermieter um einen vernünftigen Preis mit dem Argument, dass er doch, wenn sie nicht hier wären, von den ruzzen bereits enteignet worden wäre, oder sein Haus längst zerstört worden wäre. Dann würde er ja gar keine Miete bekommen. Nein, der Alte blieb hart, und sie akzeptierten das „notgedrungen“ – der Markt entscheidet.

Das waren die Geschenke, über die die Kämpfer sich besonders freuten: Kinderzeichnungen; dicke handgestrickte Strümpfe; von den Babuschkas mit Liebe zubereitete Warinikis.

Zusammen mit Anatoli und mir war auch eine Marina mitgekommen, ebenfalls Volontärin, aber nicht in unserer NGO, sondern in einer rein ukrainischen aus der Kreisstadt L. Das ist ein wichtiger Unterschied. Unsere internationalen Kontakte steigern natürlich unsere Möglichkeiten. Andererseits arbeiten Menschen wie Marina (oder Anatoli) ständig „am Limit“, und das freiwillig und kostenlos. Sie haben kaum die Kraft, solche Kontakte zu suchen, denn dafür braucht man ja auch Übersetzer, Berater, Helfer.
Ein undendliches Feld …, wie man sich besser „vernetzen“ kann.
Manchmal merkt man, dass wir fast alle keine ausgebildeten Wirtschaftsleute und Organisatoren sind. Manchmal zerstört „Aktionismus“ oder „alleiniges Vorpreschen / mangelndes Teamworking“ einen klugen Plan, in dessen Umsetzung man schon viel Zeit investiert hatte. Manchmal hat man ein Brett vor dem Kopf oder ist einfach müde …

Mein Interview mit Radio Bremenhabe ich von unterwegs geführt, es ist gut gelaufen, der Redakteur war sehr zufrieden. (Überhaupt sprechen sie immer sehr freundlich mit mir, und sie stellen immer interessante Fragen, auch mich zum Denken anregende.)
Ich saß dabei im Auto auf einer Wiese kurz vor Pawlograd. Ein bisschen stolz bin ich auf meine spontane Antwort nach der Frage, warum Ukrainer diesen Widerstand leisten, diese Kraft haben.

„Aus Liebe zu ihrer Heimat, zu diesem schönen Land“, sagte ich, – „und aus dem Wissen über die Geschichte, was ihnen drohen würde, wenn ruzzland gewinnen würde“ und nannte Beispiele. Ich erinnerte auch an die Massenmorde unter Stalin, die Genozide in der Ukraine, an deren drohende Wiederholung, damals wie heute in Moskau geplant, in den gleichen Gebäuden Kreml und Lubjanka, von den Urenkeln von damals. Für Deutsche ist das kaum vorstellbar, dieser ukrainische INSTINKT, nicht schon wieder von Moskowitern gequält zu werden. Deutsche war nie Opfer eines Genozids, nie drohte ihnen einer, das merkt man ihnen an.

Heute glaubte ich bei X zu lesen, jemand habe ruzzlands 97 Kriegsmotive und -ziele aufgelistet. Endlich hat es jemand begriffen, dachte ich. Endlich hat jemand interdisziplinär gedacht. Endlich nicht mehr schachliche Kreisklasse, endlich Europa-Liga, ach, Welt-Liga. 97 Kriegsmotive und -ziele, nicht eins oder maximum fünf.
Doch es war ein Irrtum, ich hatte mich verlesen. Die Zahl 97 war nur die Nummerierung des Begriffs Kriegsgründe in einer völlig anderen Liste.

Zwischen Liebe und Ekel

B., Obast Charkiw, 23.12.2025
Manchmal ist es schwer zu begreifen wie wir leben. Zwischen Liebe und Ekel.
Zum Beispiel heute: Mein Freund Anatoli hat Geburtstag. Wir feiern mittags zusammen mit unserer Frauenbrigade, den fleißigen Netzeknüpferinnen. Viele Lobreden werden auf Anatoli gehalten, denn er ist wirklich ein beeindruckender Mensch, ein großartiger Organisator, verantwortungsvoller Tierarzt. Bis in die Nacht hinein hat er gekocht, u.a einen riesigen Topf mit Plov, um alle Gäste bewirten zu können.
Anatolis schönstes Geburtstagsgeschenk ist ein Foto von einer Rakete, auf die befreundete Soldaten schrieben: Schöne Grüße von Anatoli.

Auf dem Weg nach Hause hören wir einen heftigen Knall. Wir erschrecken uns, halten das Auto an, suchen den Himmel ab nach der Ursache des Geräuschs, können nichts sehen, fahren weiter. Wenige Minuten später erhalten wir die Information: eines unserer Flugzeuge hat eine Rakete abgeschossen! Hurra!
Zuhause warten schon die Vertreter der Brigade auf uns, die das von Rainer Grieben gespendete Schweißgerät bekommen. Der verantwortliche Techniker kämpft schon seit 12 Jahren!, erzählt er.

Zwischendurch lese ich auf X, dass einer meiner FB-Freunde, ein Journalist, bösartige Gerüchte über das ukrainische Militär verbreitet / kommentarlos weiterleitet.
Im Gegensatz zu den Medienberichten seien Militärkommandeure angeblich eher als Selenskyj bereit, Gebiete abzutreten. Sein politisches Überlebensinteresse decke sich angeblich nicht mit dem nationalen Interesse. Selenskyjs Missmanagement des Krieges und die Korruption machten ihn bei den Verteidigern äußerst unbeliebt; diese sollen angeblich „offen von einem Staatsstreich sprechen, haben aber keinen Anführer“.
Starker Tobak also, natürlich ohne Belege. Ich treffe regelmäßig Leute vom Militär, auch Kommandeure, aber von Putschgerüchten habe ich noch nie gehört, kann mir auch nicht vorstellen, dass solche Absichten bestehen. Ohnehin – bestünden solche Absichten, würden sie wohl kaum an die Öffentlichkeit dringen.
Warum verbreitet ein Journalist / Reporter solche Behauptungen? Eine müßige Frage. Vor einiger Zeit hatte ich diesem Nutznießer des Bösen noch öffentlich widersprochen, als er vor Eitelkeit und Selbstverliebtheit strotzende Fehleinschätzungen abgegeben hatte, die seine Kompetenz deutlich überschreiten. Inzwischen spare ich mir diese Energie und konzentriere mich lieber auf die konkreten Hilfen, die ich hier leisten kann. Soll doch jeder selbst sein Tun vor seinem Gewissen verantworten, falls er so etwas hat.
Morgen fahren wir in eine heißere Zone zu einer Brigade, um dringend benötigte Sachen zu überbringen. Unser Weihnachtsfest. Aber der Feind macht ja an Weihnachten keine Pause. Außerdem habe ich morgen noch ein Interview für Radio Bremen.

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Geheimes Kriegstagebuch
Privileg: Etwas zu wissen, was (noch) nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Beispielsweise erzählte mir A. von einem sensationellen Erfolg unserer Freunde an der Donbas-Front. So sensationell, dass das Ereignis meines Erachtens in den Nachrichten hätte gemeldet werden müssen. Ich kann keinen Grund erkennen, warum es verschwiegen werden sollte. Mein Freund A. wurde persönlich von einem der beteiligten Artilleristen darüber informiert, deren Kommandeur hat schon allen gratuliert. Intern wurde der Erfolg offiziell bestätigt. Aber eine öffentliche Bestätigung finde ich nicht, obwohl es doch eine Spitzenmeldung sein sollte. Seltsam.

Selbstgespräch am Morgen

B., Oblast Charkiw, 15.12.2005
– Du sollst nicht auf den Worten herumreiten, du Nörgelfritze!
– Fritzes Fischer, Fischers Fritze frisst.
– Witzbold.
– Man hört sofort, dass du alt bist. Nörgelfritze, niemand redet mehr so wie du. Heutezutage wird nicht genörgelt. Wir kritisieren etwas oder sagen unsere Meinung; immer mit dem Hinweis, dass jeder eine andere Meinung haben kann. Jeder kann denken, was er will, und sagen, was er will, aber bitte ohne Beleidigungen, ohne Aufrufe zu Mord und Totschlag.
– Du scheinst ein rotes Wort zu färben.
– Nur eins? Warum? Mit welcher Farbe färben? Zuerst entfärben, das Rot übertünchen?
– Der Abgrund hat keine Decke.
– Willst du vom Thema ablenken?
– Welches Thema?
– Ich soll nicht auf den Worten herumreiten.
– Das ist eine Metapher.
– Das weiß ich auch, ich bin ja nicht blöd.
– Blödmann.
– Danke, selber Blödmann.
– Sehr produktives Gespräch. Aber nicht unterhaltsam.
– Woher willst du das wissen?
– Hör dir doch mal zu.
– Das mache ich die ganze Zeit.
– Weißt du noch, wie du verrückt werden wolltest?
– Der Selbstmord hat mich gerettet.
– Der Versuch eines Selbstmords.
– Das war ein ernsthafter Versuch.
– Aber nicht ernsthaft genug. Zwei Dutzend Schlaftabletten, wie witzig. Du hättest zusätzlich noch den Gashahn öffnen sollen und dich aufhängen müssen, dann hätte ich dir geglaubt. Du wolltest nur spielen.
– Im Tiefschlaf?
– Du hast nicht eine Sekunde vorausgedacht, du wolltest nur einen leeren Kopf haben.
– Als ob du mich kennen würdest.
– Ich bin deine zweite Hälfte. Wer sonst, wenn nicht ich?
– Ich.
– Jetzt fängst du wieder mit diesem Quatsch an. Ich bin Du, Du bist ich, schöne Grüße an Baudelaire. „Was haben Sie dem Judentum gemeinsam?“ – „Ich habe nicht einmal mit mir etwas gemeinsam.“
– Brav gelernt.
– Also?
– Was, also?
– Nichts.
– Gut, reden wir über das Nichts.
– An diesem Abend lerntest du die Schweizerin kennen, bei einer Ausstellung über das Nichts.
– 1991.
– Das war Steinzeit ohne Netz.
– Und heute ist alles besser?
– Hat das jemand gesagt? Jedenfalls ist meine damalige Prophezeiung wahr geworden. Wir sitzen wie unsere Großeltern wieder in Luftschutzbunkern und fürchten herabfallende Bomben.
– Drohnen.
– Drohnen, Bomben und Raketen.
– Möchtest du auch ein Drohnenpilot werden?
– Dafür bin ich zu alt.
– Aber nicht zu friedfertig.
– Ich bin doch nicht mehr suizidgefährdet. Wenn jemand auf mich schießt, dann werfe ich keine Wattebällchen nach ihm.
– Schon klar, darüber lohnt sich nicht zu streiten.
– Viele Leute würden dir widersprechen.
– Das ist mir egal.
– Ich erinnere nur an die Tatsache.
– Die Zeitgenossen surfen gern auf der Oberfläche.
– Falsch. Es gibt mehr Surfer als Taucher.
– Tiefseetaucher.
– Meinetwegen Tiefseetaucher. Jetzt bist du aber der Angeber.

Das Gesicht zu kontrollieren war nie eine leichte Aufgabe, jedenfalls nicht für mich. „Manche Leute tragen jahrelang das gleiche Gesicht, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat.“ So beschrieb es der Dichter Rainer Maria Rilke, beziehungsweise erzählte es die von ihm erfundene Figur Malte Laurids Brigge. Nun gut, das war vor mehr als einhundert Jahren in Paris gewesen, die Leute ahnten noch nicht, wohin sie schlafwandelten.
Immer das gleiche Gesicht zu tragen, keine Gefühle, Wünsche und Absichten zu zeigen, das hatte ich mir schon Schüler als vorgenommen.

PS: In zwei Stunden wird der Strom bis zum Abend abgestellt. Steinzeit!

Faszination Dummheit

Poltawa, 07.12.2025
Schadenfreude – angesichts der neuen Geständnisse der Einpeitscher des Krieges in ruzzland. Sie hatten tatsächlich „geglaubt“, die übergroße Mehrheit der Ukrainer wolle von ihnen befreit werden / würde sie freundlich begrüßen. Von 70 bis zu 98 (!) Prozent reichten die Schätzungen.
Eine erstaunliche Selbstverblendung der Überzeugungstäter. Sie sahen, was sie sehen wollten.

Ich befragte 2016 bis 2022 viele Ukrainer, wie sie sich im Falle einer Invasion verhalten würden. Manche stellten sich vor zu fliehen; die meisten jedoch wollten gegen die Invasoren kämpfen. „Ich werde meine Stadt verteidigen, mein Haus“, lauteten häufig die Begründungen. Nicht das Staatswesen, sondern das Land, den Heimatkreis, die eigene Erde und die eigenen nahen Menschen.
Die wenigen Befürworter einer „russischen Welt“ in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis waren auch sonst im Leben kuriose Gestalten: ein Dealer, ein pensionierter Architekt und Ex-KGB-Mitarbeiter, ein ehemaliger sowjetischer Offizier und dessen Tochter. Der Offizier mit der Begründung; „Wir (!) wollen auch mal einen Krieg gewinnen.“ Der Sieg gegen Hitler-Deutschland zählte für ihn nicht, weil die Deutschen heute besser lebten als die ruzzen. Seine Tochter wünschte sich eine ruzzische Welt, wollte in diesem Fall aber nicht mehr in der Ukraine leben – und gleich nach der Invasion reiste sie tatsächlich in ein skandinavisches Land aus, wo sie wohl Sozialhilfe bekommt und zusammen mit ihren arabischen Freunden gerne über den Westen schimpft.

In der deutschsprachigen Presse wurde währenddessen gerne das Märchen von der gespaltenen ukrainischen Nation erzählt, falls man deren Existenz nicht sowieso bestritt, wie bspw. der Historiker Baberowski (den ich zu einer Fahrradreise durch die Ukraine einlud, damit er seine kruden Behauptungen Ukrainern erzählen könnte).

Mich FASZINIERT es, wie wenig die Menschen im Allgemeinen über ihr übernächstes Nachbarland wissen, und dass sogar Nachrichtendienste mit Milliarden-Budgets zu völlig unsinnigen Einschätzungen gelangen, völlig falsche Berichte über das übernächste Nachbarland abliefern. Wie kann das sein? Warum konnten sie nicht so arbeiten wie ich?
Gut, es gilt das alte Gesetz, je komplexer die Materie, desto infantiler die Versuche der analytischen Ausleuchtung. Aber die zu untersuchende Frage war doch ziemlich simpel.

Krieg als Drama

Wir haben drei Hauptfiguren:
a) bienenfleißige Kaufleute im Westen, reiche Rentner. Für sie ist der Lebenssinn der Lebensstil, Lifestyle, also die Art und Weise wie man sich kleidet, tätowiert, spricht, welche Zigaretten man raucht, ob man Fleisch isst, ob man Aktien kauft.
b) Banditen im Kreml, die gern mit dem Weltenbrand kopulieren, weil sie im friedlichen Wettbewerb allen Mitbewerbern unterlegen sind, betreffs Innovationskraft, Lebensstandard, Soft Power, Gesundheitswesen, Gewalt gegen Frauen und Kinder etc. – außerdem: das Volk verzwergt, die neuen Rekruten sind von Jahr zu Jahr kleiner, gestand der Generalstab.
c) ukrainische Kosaken, die auf ihrer Schwarzerde ganz gut zurechtkommen ohne fremde Herrscher. Sie wählten einen Komiker zum Hetmann, mitten im Krieg, unfassbar, dieser Ausdruck tänzerischer Freiheit. Und selbst diejenigen, die den Komiker verflucht hatten, kämpften mit ihm zusammen im Moment höchster Gefahr gegen den gemeinsamen Feind. Die unwissenden Ausländer im Osten wie im Westen hatten ihnen keinen nennenswerten Widerstand zugetraut, ebenfalls unfassbar – für jemanden, der das Land seit mehr als 20 Jahren kennt.

Der dramatische Konflikt wird also aus drei Richtungen angetrieben:
1. die Westler sind „von Natur aus so fleißig“, dass sie gar nicht merken, wie sie anderen damit schaden, mindestens Neid wecken. Man kennt das in der Geo-Politik wie im Streit unter Nachbarn im Dorf:
wenn bei einem Bauern immer die dicksten Schweine im Stall stehen, die fettesten Gänse herumlaufen, wenn diesem Typen alles gelingt – und wenn der Nachbar bei all seinen Tätigkeiten Pech hatte, seine Schweine sich weigern fett zu werden, seine Maispflanzen nur halb so hoch wachsen – dann bleibt nur Schwarze Magie als Erklärung.

2. deshalb, aus russländischer Sicht: Satan hat die Westler vom rechten Weg abgebracht. Mit rationalen Erklärungen müssten sie die Schuld für ihr Versagen bei sich selbst suchen. Es kann nur mit dem Teufel zugehen, dass Westler und Asiaten moderner, erfolgreicher und freier leben, und sich in die Zukunft katapultieren – während man selbst es nicht schafft, alle Wohnungen mit Toiletten auszustatten und ein groß Teil der akademischen Jugend die Übersiedlung in den Westen oder in ein arabisches Scheichtum plant.
Und: Wie kann das sein, dass man diesen westlichen Schwächlingen jahrelang etwas Schlimmes androht, und die nehmen die Drohungen einfach nicht ernst? Russlands Interessen werden nicht akzeptiert, weil Russland alle bestrafen möchte, die seine Interessen nicht akzeptieren.

3. Kosaken sind natürlich ideale Menschen. Was zeichnet sie aus: Herzensgüte, Liebe zum Leben, verträumte Neugierde, Liebe zum Philosophieren, das Lachen auch über sich selbst – für einen guten Witz unterbricht man gerne die Arbeit. Dank der fruchtbaren Schwarzerde kann eigentlich jeder sich am Leben erhalten, ohne die Knie vor einem Herrscher zu beugen. Die materielle Basis für individuelle Freiheit kann erarbeitet werden, so lange man gesund ist und Freunde und Verwandte hat.

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